Interessantes zur Geschichte der japanischen- und chinesischen Akupunktur

 

Was ist japanische Akupunktur?

Da ich meine Heilkunde unter dem Titel "Praxis für klassische japanischeAkupunktur" ausübe,

ist das eine Frage, die mir häufig gestellt wird.

 

Um darauf zu antworten, muss ich mich zunächst auf das beziehen, was wir hierzulande über Akupunktur wissen.

Die Ursprünge der Akupunktur liegen in China und sind ungefähr 4000 Jahre alt.

Von dort aus verbreitete sie sich zunächst über den asiatischen Raum, später dann fast über die ganze Welt.

Vergleicht man das Alter der Akupunktur mit dem der Schulmedizin, deren Wurzeln ca. 800 Jahre alt sind,

dann leuchtet ein, dass in dieser langen Zeit eine enorme Vielfalt an Behandlungsstilen entstanden ist.

Hinzu kommt die relativ frühe Verbreitung in asiatische Nachbarländer,

in denen sich jeweils ganz eigene, den Kuturgegebenheiten des einzelnen Volkes entsprechende

Traditionen entwickelt haben.                  

 

Nach der Kulturrevolution wurde in China chinesische Naturheilkunde und, als ein Teil davon,                                              zurück                

die Akupunktur intensiv gefördert.

Sie wurde mit der Kräuterheilkunde zu einem standartisierten System zusammengefasst

und erhielt den Namen TCM, für Traditionelle Chinesische Medizin.

Die TCM wurde in China neben der Schulmedizin als zweite Staatsmedizin eingesetzt.

                                    

Verschiedene Gründe haben dafür gesorgt, dass die TCM in Europa so bekannt geworden ist,

dass die Menschen im Allgemeinen mit Erstaunen reagieren,

wenn sie von der Existenz andere Stilrichtungen der Akupunktur erfahren.

Eine standartisierte Akupunktur entspricht unserer westlichen Auffassung von Medizin weitaus

Mehr, als unterschiedliche gewachsene Traditionen.

Die chinesische Regierung entwickelte ein eigenes Interesse an der Weitergabe der TCM an Ausländer

und fördert diese bis heute.

Dies sorgt für Devisenfluss, aber auch für Interesse und Ansehen der chinesischen Kultur im Westen.

 

So hat sich hierzulande die TCM als die asiatische Medizin durchgesetzt und in unserer

naturheilkundlichen Landschaft andere Ideen und Techniken der Akupunktur nahezu verdrängt.

Das ist schade, denn China, Japan, Korea und andere Länder haben eine reiche Vielfalt von

Traditionen und Methoden hervorgebracht.

 

Vor diesem Hintergrund möchte ich die Frage beantworten, was japanische Akupunktur ist:

Es gibt weder die japanische Akupunktur, noch gibt es die chinesische Akupunktur.

Es gibt über lange Zeit gewachsene, vielfältige Traditionen und Stile und allen gebührt Anerkennung.                      zurück

Und es gibt durch die Kultur eines Landes, durch die Mentalität seiner Bewohner

und durch staatliche Eingriffe geprägte Eigenarten.

 

Diese Eigenarten der japanischen Akupunktur zu charakterisieren möchte ich im Weiteren

versuchen.

 

Vor etwa 1400 Jahren von buddhistischen Mönchen aus China eingeführt,

hat die japanische Kultur der Akupunktur ihren eigenen Stempel aufgedrückt.

Sie hat Behandlungsansätze hervorgebracht, die im Westen noch relativ unbekannt sind,

aber zunehmend auf Interesse stoßen.

Auch in Japan gab es staatliche Einflüsse, wenn auch niemals eine solche staatliche Vereinheitlichung wie in China.

Sie reichen  von der Gründung der ersten japanischen Akupunkturschule im Jahr 718 n. Chr.,

bis zum staatlichen Verbot derAusübung der Akupunktur für Nicht- Blinde im Jahr1895.

 

In Japan ist die Akupunktur ein traditioneller Blindenberuf.

Die zeitweise ausschließliche Ausübung und auch Weitergabe der Akupunktur durch Blinde

hatte sicherlich einen sehr prägenden Einfluß auf alle japanischen Traditionen.

Auch heute noch sind viele der alte Meister in Japan Blinde.

 

Die große Bedeutung eines feinen Tastsinns für die Ausübung vieler japanischer Stilrichtung ist typisch.                                        zurück

 

Für den Sehenden braucht es viel Übung, um ein ebenso differenziertes Wahrnehmungsvermögen zu entwickeln wie Blinde,

für Energie, japanisch " Ki" und ihre Auswirkung am Körper.

Das Befühlen des Bauches, die sogenannte Hara- Diagnose,

und das diagnostische Tasten direkt an den Energiebahnen sind weit verbreitet.

Es braucht Übung um die Veränderungen am Gewebe wahrzunehmen, die durch energetische Fülle-oder Leerezustände entstehen.

Umso mehr Erfahrung ist nötig um das „Ki“ selbst fühlen zu können.

 

Eine Ausbildung in japanischer Akupunktur wird also niemals eine vorwiegend theoretische Ausbildung sein.

Vielmehr wird in den japanischen Schulen ein ausgesprochen großer Schwerpunkt auf den Bereich der praktischen Übung

und damit derVerfeinerung der eigenen Kunstfertigkeit gelegt.

Auch dies scheint mir eine typisch japanische Vorstellung zu sein, dass Meisterschaft nicht durch die Ansammlung

großer Wissensmengen entsteht, sondern durch stete konzentrative Übung.

 

 

Eine weitere Eigenart wird repräsentiert durch eine Legende die mir eine Lehrerin erzählte:

Als die ersten Mönche mit der Akupunktur nach Japan kamen,

führten sie dort am Hofe eines Shogun (so hießen die japanischen Fürsten) diese neue chinesische Medizin vor.

Der Shogun ertrug in männlicher Gelassenheit die Nadelung.

Am Ende der Sitzung befahl er dann aber, (vielleicht noch ein wenig blass um die fürstliche Nase),

dass diese Heilkunde erst in seinem Land verbreitet werden dürfe, wenn man eine schmerz-ärmere Stichtechnik erfunden hätte.

So kam es zur Entwicklung eines Führungsröhrchens (... in Wirklichkeit wurde es erst sehr viel später verwendet...),

das einen relativ schmerzfreien Einstich und die Benutzung von sehr viel feineren Nadeln erlaubt.

 

Eine subtile Nadeltechnik, die mit feinen schmerzarmen Stichreizen arbeitet

(bis hin zum gänzlichen Verzicht auf ein Einstechen der Nadel in der sog. „Toyohari- Schule“),                                                        zurück

gehört zu den japanischen Besonderheiten.

 

Dies hat sicherlich auch mit der heutigen Bevölkerungsstruktur in der Industrienation Japan zu tun.                                  

Ähnlich wie in Deutschland gibt es einen hohen Anteil an Stadtbevölkerung,

wohingegen in China ein großer Teil der Menschen auf dem Land lebt und arbeitet.

Eine tiefe und kräftige Nadeltechnik passt aber generell mehr zu körperlich arbeitenden, robusteren Menschen.

Eine sanfte oberflächliche Technik passt eher zu Kopfarbeitern oder Stadtmenschen

-also im Bereich des Nervensystems beanspruchte Menschen.

 

Ein weitere Eigenart ergibt sich aus der Trennung der Berufe Kräuterarzt und Akupunkteur in Japan.

 

Die Verquickung in der TCM führte zu einer intensiven gegenseitigen Befruchtung dieser beiden Zweige der Naturheilkunde.

Die Trennung in Japan führte eher zu einer "Reinerhaltung" der verschiedenen Heilkunden und ihrer Ideen.

Wer in Japan Akupunktur ausübt, behandelt damit mehr verschiedene Krankheiten, als der Akupunkteur, der

bei bestimmten Krankheitszuständen gleichzeitig auf die Kräutermedizin zurückgreift.

 

Der Ausgangspunkt dieses Artikels war die Frage, was japanische Akupunktur sei.

Ich hoffe, daß ich Ihnen einige Anregungen geben konnte, Medizin und letztendlich ebenso unsere heimische Heilkunde

auch in ihrem kulturgeschichtlichen Kontext zu betrachten.

 

 


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